Das Fahrrad

Da sie spät dran war, hastete sie die Treppen hinunter. Ihr blieben 15 Minuten bis zum Termin. Mit dem Fahrrad durch den Großstadtverkehr hätte sie es gerade noch pünktlich schaffen können. Keuchend unten im Hausflur angekommen, suchten ihre Augen, hin und her wandernd, nach ihrem Fahrrad, das sie gestern dort abgestellt hatte. Das alte, weinrote Mountainbike war nicht mehr da. In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Keller und der etwa mitte-vierzig-jährige Mann, der mit seiner kinderreichen Familie in der kleinen Wohnung im 2. Stock Zuhause war, trat heraus.

„Ich fasse es nicht, das darf nicht wahr sein! Mein Fahrrad wurde geklaut! Scheiße! Das glaube ich einfach nicht“, machte sie ihrem Ärger an ihn gerichtet Luft. Der Mann schien leicht zu erröten und stammelte: „Von irgendwas muss man ja schließlich leben“, während er zögerlich an ihr vorbei in Richtung des Treppenhauses, verschwand. Was hat er gesagt? schoss es ihr durch den Kopf, als ihr Blick ihre Armbanduhr traf und sie überlegte, welche Bahn sie nehmen könnte und zur Haustür eilte.

Den ganzen Tag über, ging ihr dieses morgendliche Gespräch nicht aus dem Kopf. Der Mann hatte doch tatsächlich gesagt, dass man ja von irgendwas leben müsse! Was sollte das heißen? War das ein Geständnis? Hatte er damit zugegeben, dass er es war, der das Fahrrad geklaut hatte? Was sollte sie tun? Zur Polizei gehen, machte keinen Sinn: sie hatte das Fahrrad, als sie bei einem Umzug aushalf, geschenkt bekommen. Die Schrift des Markennamens war zu diesem Zeitpunkt schon abgeblättert. Sie hatte ihn kaum lesen-, geschweige denn, sich je merken können. Hat ein Fahrrad nicht irgendwo eine Seriennummer, fragte sie sich. Wie dem auch sei, sie hatte diese Nummer nicht.

Wenn sie in den folgenden Wochen auf diesen Nachbarn traf, grüßte er sie jedes Mal sehr leise, mit zum Boden gerichteten Blick. Sie gewöhnte sich an, ihn zu ignorieren. Auf einem Flohmarkt hatte sie sich ein gebrauchtes, neues Rad gekauft. Wieder stellte sie es in den Hausflur und schloss es dort ab. Wo hätte sie es auch sonst hinstellen können? Dass dieses Fahrrad in den nächsten Wochen nie einen platten Reifen hatte, es nie aufgepumpt werden musste, obwohl sie täglich mit ihm zur Uni fuhr, fiel ihr zunächst gar nicht auf.

Dann kam sie an einem Tag auf dem Rückweg in ein Gewitter. Der Regen durchdrang ihre Kleidung und klebte diese fest an ihre Haut. Der Dreck der Straße spritzte zu ihr hinauf. Als der Regen noch stärker wurde und ihre Sicht auf die Straße sehr einschränkte, hörte sie plötzlich nur noch den Knall ihres Vorderreifens. „Verdammt!“

Sie war durch Scherben gefahren. Fluchend, durchnässt und müde kam sie, das Fahrrad schiebend, Zuhause an. Im Flur schloss sie das Rad ab und beendete frustriert ihren Tag mit einer langen Dusche.

Am nächsten Morgen verließ sie, ein wenig früher als gewöhnlich, ihre Wohnung. Sie plante mit der Bahn zur Uni zu fahren. Unten im Hausflur angekommen, traute sie ihren Augen kaum. Dort stand ihr Fahrrad: Auf Hochglanz poliert und mit einem nagelneuen Vorderreifen. Wenige Sekunden später, tauchte ihr Nachbar auf. Er sah sie und schaute, nicht wie sonst verschämt zu Boden, sondern ihr direkt und offen ins Gesicht. „Guten Morgen“, grüßte er sie. Sie verstand. Ihr Gesicht hellte sich auf und zeigte ein verwundertes, erfreutes Lächeln. „Guten Morgen“, erwiderte sie seinen Gruß. Er nickte ihr lächelnd und warm zu, während er in Richtung des Treppenhauses verschwand.

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